來源:http://www.taz.de/pt/2006/09/18/a0297.1/text
Öffnung in Taipeh
In Taiwans Hauptstadt bemüht sich die in der Wendezeit
gegründete Organisation OUR's, öffentliche Freiräume für die Bewohner
zu erhalten
VON YI-CHUN HWANG
In einer globalisierten Welt ist es vielleicht nicht allzu
überraschend, dass zwei so ferne Metropolen wie Taipeh und Berlin mehr
als einiges gemeinsam haben. Taipeh, während des Kalten Krieges durch
einen Ausnahmezustand gekennzeichnet, hat wie Berlin 1989 eine Wende
erlebt. In den seither vergangenen 17 Jahren haben tief greifende
Veränderungen die Landschaft beider Städte geprägt, was insbesondere
die in großer Anzahl freigewordenen Stadträume betrifft. Selbst die
Organisationen, die in dieser Zeit entstanden sind, haben ähnliche
Ansätze: das Stadtleben "bottom-up" zu gestalten. Die Plattform der
experimentdays möchte die Taipeher Organisation OUR's nutzen, um ihre
Erfahrungen mit anderen Berliner Projekten auszutauschen.
OUR's bedeutet "Organization of Urban Re-s" und wurde in der
Wendezeit nach einem riesigen Protestmarsch mit rund 50.000 Teilnehmern
gegen hohe Mieten und Grundstücksspekulation gegründet. Bis heute ist
OUR's ein unermüdlicher Anwalt für einen angemessenen Umgang mit
öffentlichen Räumen, indem die Organisation Aufklärung betreibt und
Aktionen zur Meinungsbildung für das - immer noch überwiegend
schweigende - Formosa-Volk veranstaltet.
Seine zentrale Aufgabe sieht OUR's darin, Fachleute aus
verschiedenen Bereichen mit Bürgern zusammenzubringen, um soziale und
räumliche Fragen demokratisch und nachhaltig zu lösen. Partizipation,
Kommunikation, Bildung und Austausch stehen im Vordergrund als
wesentliche Werkzeuge nötiger gesellschaftlichen Reformen.
OUR's überwacht, zusammen mit verschiedenen taiwanesischen NGOs, die
Umnutzung und Verpachtung sowie den Verkauf frei gewordener
öffentlicher Grundstücke im gesamten Inselstaat. Wobei die historische,
kulturelle und ökologische Bedeutung öffentlicher Räume für die Bürger
nach Ansicht der AktivistInnen weit über den bloßen Immobilienwert
hinausgehen.
So setzt sich die Organisation in einem Projekt für den Erhalt des
ehemaligen Yangmingshan-US-Militär-Quartiers ein - einer insgesamt
circa zwölf Hektar großen öffentlichen Fläche. OUR's will die geplante
dichte Bebauung des Geländes verhindern, das am Rande eines
Naturschutzgebietes liegt. Im Mittelpunkt stehen dabei nicht nur die
vielfältige Flora und Fauna des Areals, sondern es soll auch der
militärische Baukomplex - als Vermächtnis der Kalten Krieges - wieder
für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.
Die Initiative "Treasure Hill Artivists CO-OP" hingegen stellt die
geschichtlichen Umwandlungen eines privilegierten Ortes für den
Tempelbau in den letzten 100 Jahren dar. In den späten 40er-Jahren
etablierte sich hier, zwischen Autobahn, einem buddhistischen Tempel
und dem Fluss an der Stadtgrenze eine selbst organisierte Siedlung, die
ohne Genehmigung errichtet wurde. Die sich bislang autark entwickelten
sozialen Netzwerke der Anwohner kollidierten bis in die 90er-Jahre
hinein mit den Interessen der Stadtverwaltung - häufig kam es dabei zu
gewaltsamen Auseinandersetzungen. Mit Ausstellungen, Festivals oder
Tagungen und dank der Unterstützung des Kulturamtes sowie mehrerer
Fördervereine machte OUR's auf das Thema aufmerksam.
Seit 1998 haben zahlreiche internationale Akteure die Symbiose von
Geschichte und Gegenwart, Privatheit und Öffentlichkeit, Wohnen und
Kultur, Identität des Einzelnen und Autorität der Staatsgewalt, die in
der Siedlung zu erleben ist, thematisiert. Auch id22, das Institut für
kreative Nachhaltigkeit, beteiligt sich seit 2003 an der Diskussion und
Entwicklung von Treasure Hill. Beide Projekte werden auf der
diesjährigen Projektbörse im Rahmen der experimentdays '06 präsentiert.
Die Autorin ist Landschaftsplanerin und Mitglied von id22: Institut für kreative Nachhaltigkeit
taz vom 18.9.2006, S. IV, 128 Z. (TAZ-Bericht), YI-CHUN HWANG |